„Du machst mich so wütend!“

Unsere Kinder triggern uns in genau den Punkten, in denen wir selber als Kinder tiefe Verletzungen erlitten.

Die wunden Punkte in uns, in denen wir selber Verletzungen erlitten haben, bleiben zeitlich dort verhaftet, wo sie uns wiederfuhren: dort sind wir nicht erwachsen, sondern selber erst 3, 5 oder 8 Jahre alt. Deshalb finden wir uns dann auch plötzlich in Machtkämpfen mit unseren leiblichen Kindern wieder. In diesen Machtkämpfen erscheinen wir wie gleichaltrig mit unseren Kindern. Wir treten nicht mit unserem Erwachsenen-Ich und der dazugehörigen Gelassenheit und Überlegenheit eines Erwachsenen auf, sondern wir reagieren genauso trotzig, aggressiv und egoistisch wie unser Kind. Unser inneres verletztes Kind übernimmt hier quasi die Führung im Konflikt mit dem leiblichen Kind.

Es ist gar nicht so einfach, sich hier selber auf die Schliche zu kommen. Aber entlarvend ist die Heftigkeit und die Unverhältnismäßigkeit unserer Reaktion auf das Verhalten unserer leiblichen Kinder.

Wenn eine Mutter gequält ihrer schuldbewussten Tochter gegenüber ausruft: “Wie kannst du mir das nur antun!“ oder wenn ein Vater sich am Bett seines weinenden Säuglings genervt bei dem Gedanken ertappt „Sei doch nicht so eine Memme!“ oder wenn eine Mutter sich empört ihrer trotzigen Tochter zuwendet: „Wie kannst du nur so undankbar sein!“, dann spiegeln diese Reaktionen oft wider, was Eltern selber als Kinder erlebt haben: Die Mutter, die als Kind in einem Rollenwechseln ihre eigene kindliche Mutter bemuttern musste. Der Vater, der als Kind nicht schwach sein und nicht weinen durfte. Die Mutter, die als Kind keinen eigenen Willen haben durfte. Es gibt etliche Beispiele für Verletzungen in der Kindheit.

An unseren Kindern erleben wir in gewisser Weise unsere eigene Kindheit ein zweites Mal, denn sie führen uns direkt an die Verletzungen aus unserer Kindheit heran. Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können diese Einsichten ignorieren und die Fehler unserer Eltern an unseren leiblichen Kindern wiederholen. Oder wir können diese Einsichten als große Chance auf Heilung unseres eigenen inneren Kindes und zur Besserung unserer Beziehung zu unseren leiblichen Kindern nutzen.

Ein weiterer Umstand, der das eigene Eltern-Sein erschwert ist es, wenn unsere eigenen Eltern keine guten Vorbilder waren und uns so ein inneres Bild von einer „guten Mutter“ oder einem „guten Vater“ fehlt. Wenn unser Zugang zu unseren eigenen Eltern fehlt, kann es schwerfallen, diesen Zugang zu unseren leiblichen Kindern aufzubauen. Es gilt, sich innerlich hier mit den eigenen leiblichen Eltern und der eigenen Kindheit auszusöhnen, um als feinfühlige Mutter oder als feinfühliger Vater den eigenen leiblichen Kindern zur Verfügung zu stehen.

Eine Familienaufstellung kann dabei helfen, sich zum Wohle der ganzen Familie mit den leiblichen Eltern auszusöhnen und sein inneres Kind zu heilen.